Es ist, als stünde man vor einem voll aufgedrehten Backofen, und von hinten bläst ein Föhn

12 ago 2025by Marco Giuoco

Basler Zeitung, Julia Gisi: Publiziert am Samstag, 2. August 2025

Bei Marco Giuoco wurde 2008 ein Hirntumor entdeckt. Nach geglückter OP stellte der Fricktaler sein Leben um: Mit 50 begann er, Ultramarathons zu laufen. Im Death Valley hat er sich nun einen Traum erfüllt.

 

Marco Giuoco trotzt einer Hitze von über 50 Grad Celsius und einer Distanz von 217 Kilometern: Der Badwater-Lauf im US-amerikanischen Death Valley gilt als der härteste Ultramarathon der Welt. Er muss innert 48 Stunden absolviert werden. 

In Kürze:

Der Fricktaler Marco Giuoco bewältigte den härtesten Ultramarathon durch das Death Valley.

Nach einer Hirntumorerkrankung entdeckte der ehemalige Manager seine Passion fürs Ultralaufen.

Mit Saunatraining auf dem Velo bereitet sich Giuoco auf extreme Wüstenläufe vor.

Der 60-jährige Extremsportler plant seinen nächsten 521-Kilometer- Lauf durch Südafrika.

«Unmöglich.» Selbst einem abgehärteten Ultramarathonläufer wie Marco Giuoco schiesst dieser Gedanke kurz durch den Kopf, als er erst- mals aus dem klimatisierten Auto steigt. Draussen, im Badwater Basin im Death Valley, ist es um die 50 Grad Celsius heiss. Die karge, sonnen- verbrannte Landschaft wurde einst durch den prähistorischen See Lake Manly in den Vereinigten Staaten geformt – und gehört heute zu den heissesten Orten der Erde.

Die Vorstellung, unter solchen Bedingungen in 48 Stunden 217 Kilome- ter zu rennen, wirkt illusorisch. «Es ist, als stünde man vor einem voll aufgedrehten Backofen, und von hinten bläst ein Warmluftföhn», be- schreibt der 60-jährige Fricktaler das Gefühl. «Doch sobald man mal am Laufen ist, geht es doch. Wir Menschen sind zu viel mehr fähig, als wir denken.»

Die Geschichte des Mannes aus Zeiningen inspiriert – es ist eine vom Weitermachen, vom Über-sich-Hinauswachsen.

 

Auf dem Asphalt schmelzen die Schuhsohlen

Marco Giuoco ist braun gebrannt, seine Augen leuchten, wenn er von seinen Erlebnissen zu erzählen beginnt. Davon, wie er das Gefühl, am Leben zu sein, bis zum Maximum ausschöpft. Oftmals an Orten, die al- les andere als lebensfreundlich sind. Manchmal huscht ein entspanntes Lächeln über sein Gesicht. Selbst wenn er gerade von einem fast schon höllisch klingenden Erlebnis wie dem Badwater-Lauf spricht, den er vor Abo abschliessen genau einem Jahr gemeistert hat. In 45 Stunden, um genau zu sein. Trotz stundenlangen Krämpfen in den Beinen und im Bauch.

Im Death Valley in Kalifornien warnen Schilder vor der extremen Hitze. Nach 10 Uhr wird vom Spazieren abgeraten.

Foto: Imago / Anadolu Agency

 

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217 Kilometer durch das Death Valley zum Mount Whitney

Der Badwater-Ultramarathon

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Der Lauf im Death Valley gilt als der härteste Ultramarathon der Welt. Früher, als die Ausrüstung noch nicht so ausgetüftelt gewesen seien, sollten die Turnschuhsohlen der Läufer gar zu schmelzen begonnen haben, so heiss sei der Asphalt gewesen, sagt der Fricktaler. Zu der un- säglichen Hitze kommen die Höhenmeter dazu, die zurückgelegt wer- den müssen. Der Startpunkt befindet sich im Badwater Basin, 85,5 Me- ter unter dem Meeresspiegel, das Ziel am Mount Whitney auf 2530 Me- ter Höhe.

 

«Meine Söhne forderten mich heraus»

Marco Giuoco begann erst relativ spät, gut 50-jährig, mit dem Ultralau- fen – und dies auch unter erschwerten Bedingungen. «2008 wurde bei mir ein Hirntumor diagnostiziert. Ich sass in der Cafeteria im Universi- tätsspital Basel und hatte mich quasi schon von meinen Liebsten verab- schiedet.» Doch das Glück war auf seiner Seite. Dank einer Operation liess sich der Tumor entfernen.

Nach dem Eingriff habe er etwas in seinem Leben ändern wollen, so Giuoco. Er wollte aktiver sein, aus seiner Komfortzone herauskommen. «Damals war ich eher im Kampfsport zu Hause, wegen meines Berufs konnte ich jedoch das Training nicht flexibel genug gestalten.» Als Öko- nom arbeitete er bis zu seiner Pensionierung im vergangenen März in einer Leitungsfunktion bei einer grossen internationalen Firma im Kaf- feebereich. Vorher war er Verkaufschef bei Feldschlösschen. Das Laufen fügte sich besser in seinen Alltag ein.

Marco Giuoco hat in den letzten zehn Jahren Wüstenläufe in Marokko, Mauretanien, Jordanien oder Südafrika absolviert.
Foto: Kostas Maros

 

«Nach meiner Genesung forderten mich schliesslich meine Söhne her- aus – sie sagten mir, ich solle doch einen Marathon laufen.» Vielleicht ein wenig zu vorschnell, so Giuoco, teilte er ihnen mit, dass er stattdes- sen gleich an den Bieler Lauftagen mitmachen werde, insgesamt 100 Kilometer. «Dann musste ich das auch durchziehen.» Er lacht.

Mit einem Coach legte er sich einen Trainingsplan zurecht und begann zu trainieren. Mit Erfolg – den Lauf schaffte er. Und in den darauffol- genden Jahren noch viele mehr. In Giuocos Palmarès kommt inzwi- schen eine extremere Destination zur anderen: Der 60-Jährige hat in den letzten zehn Jahren Wüstenläufe in Marokko, Mauretanien, Jorda- nien oder Südafrika absolviert.

 

Beim Ultramarathon beginnen Gedanken zu wandern

Was auf viele abschreckend, ja gar als ein Ding der Unmöglichkeit wirkt, macht für Giuoco gerade den Reiz der Sache aus. «Für mich ist es spannend, zu sehen, wo die eigenen Grenzen liegen – und wie sie ver- schoben werden können.»

Nach jedem Lauf entstehe jeweils so etwas wie eine neue Version von

ihm selbst: «Wenn man so viel Zeit mit sich selbst verbringt, geschieht etwas mit einem.» Nach sechs Stunden Laufen sei er meist alles mental durchgegangen, was ihn im täglichen Leben beschäftige. «Was im An- schluss mit einem passiert, weiss man im Vorfeld nicht – die Gedanken beginnen zu wandern.» In diesen Momenten hat Giuoco schon weitrei- chende Entscheide getroffen. Etwa, sich frühpensionieren zu lassen. Oder ein neues Unternehmen im Bereich Ergänzungsnahrung für Hun- de zu starten.

 

An den verschiedenen Checkpoints des Badwater-Laufs warten Eiskübel auf die Teilnehmer. 

Im Alltag haben ihn seine sportlichen Erfahrungen gelassener gemacht. «Einen Ultramarathon zu laufen, ist im Grunde nichts anderes, als kon- stant Probleme zu lösen.» Für ihn als einstigen Manager das optimale Training für den Job. «Man überlegt sich, welche Optionen oder Szena- rien eintreffen könnten. Ausserdem lernt man, auf die Zähne zu beissen und durchzuhalten, Geduld zu haben und sein Ziel hartnäckig zu ver- folgen.» 

 

Fata Morgana während Ultramarathon

«Die Kombination aus extremer Anstrengung und extremer Landschaft macht auch süchtig. Wenn man dieses Gefühl einmal erlebt hat, will man es noch einmal erleben.» Besonders Wüstenlandschaften und Nonstop-Rennen sagten ihm zu. «Durch die monotone Landschaft komme ich in einen Flow, ich muss mich nicht auf jeden Schritt konzentrieren – die Gedanken können freier fliessen.» 

48 Stunden kann Marco Giuoco maximal ohne Schlaf laufen. «Sonst beginne ich zu halluzinieren. Einmal habe ich bei einem Rennen in Jor- danien eine Möbelausstellung in der Wüste gesehen – ein Teil des Kop- fes kapiert zwar, dass das gar nicht sein kann», so Giuoco, «gleichzeitig sieht man es ganz klar vor sich.» Erst ein Kollege auf einem Begleitwa- gen, die bei Wüstenläufen üblicherweise mitfahren, sagte ihm, dass er sich das alles nur einbilde.

 

In kargen Landschaften verliert sich Marco Giuoco in seinen Gedanken.

 

Ein anderes Mal überkam ihn nach vielen Stunden des Laufens durch die Sanddünen in Mauretanien ein Gefühl der kompletten Zufrieden- heit: «Ich fühlte mich eins mit dem Kosmos. Wäre ich von einem auf den anderen Moment tot umgefallen – ich wäre mit der Welt und mit mir im Reinen gewesen.» 


Auf die aussergewöhnlichen Bedingungen während der Rennen berei- tet sich der gebürtige Sizilianer jeweils mit Velo-Trainingseinheiten in der Sauna vor. Normalerweise zweimal pro Woche, kurz vor einem Rennen täglich.

 Auch mental verlangt das Ultralaufen einiges ab. Damit er nicht schon beim blossen Gedanken an die langen Distanzen Forfait gibt, greift er auf eine simple Strategie zurück: «Slice the elephant», sagt Marco Giuo- co lapidar. «Ich denke immer von Etappe zu Etappe, von Checkpoint zu

Checkpoint.» Egal, ob im Schatten eines Baumes in Südafrika, wo er eine Dattel isst, oder im Death Valley, wo alle paar Meilen Kübel voller Eis auf ihn warten, um die Füsse abzukühlen. In kleinen Schritten sei selbst das Undenkbare zu bewältigen, so Giuoco.

 

Marco Giuoco: «Ich denke immer von Etappe zu Etappe, von Checkpoint zu Checkpoint.» 

Wie alle, die den Badwater-Lauf im Death Valley beenden, erhielt der Fricktaler eine Gürtelschnalle mit der Inschrift «Detur digniori» – zu Deutsch «Es werde den Würdigen gegeben».

«Für mich war es ein einmaliges Erlebnis, dieses Rennen zu laufen», betont er. Nur hundert Personen dürfen jeweils teilnehmen – unter der Voraussetzung, dass sie im Vorfeld mindestens vier 100-Meilen-Läufe absolviert haben.

Vom Fricktal nach Sizilien

Obwohl Marco Giuoco sich mit dem Lauf im Tal des Todes einen lang gehegten Traum erfüllt hat, denkt er nicht ans Aufhören.

Erst im Frühling lief er von Basel nach Sizilien, zu seinem Geburtsort Giardini-Naxos. Auf Schritt und Tritt dabei: seine fast neunjährige Mali- nois-Hündin Uma. «Wir haben in 51 Tagesetappen insgesamt 1522 Kilo- meter zurückgelegt», sagt er. Für Giuocos Verhältnisse ein Vergnü- gungslauf.

Seine nächsten Ziele hat er längst geplant. Im September geht es bei- spielsweise an den Etna Extreme, einen 100-Kilometer-Lauf rund um den Ätna. Im Januar dann wartet mit dem Tankwa-Loop ein weiterer Lauf der Superlative auf Marco Giuoco: 521 Kilometer nonstop durch die südafrikanische Wüste. Eine unmögliche Distanz – zumindest auf den ersten Blick.



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